Dr.-Ing. Thomas Waldhier, Geschäftsführer der Borg Warner Beru Systems GmbH, Ludwigsburg

„Die Krise ist überwunden“

Dr.-Ing. Thomas Waldhier
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Beru ist seit Ende September 2009 eine 100%-ige Tochtergesellschaft des US-amerikanischen Automobilzulieferers Borg Warner. Als Spezialist für Zündungstechnik, Dieselkaltstarttechnologie sowie Elektronik und Sensorik nimmt Beru eine führende Position ein. Die AutomobilKONSTRUK- TION befragte den Geschäftsführer der Borg Warner Beru Systems GmbH, Dr.-Ing. Thomas Waldhier, zu den neuen Perspektiven unter dem Dach von Borg Warner und zu den Geschäftsaussichten.

Herr Waldhier, wie ist die Beru Systems GmbH organisatorisch in Borg Warner eingebunden?

Waldhier: Borg Warner besteht aus zwei Geschäftseinheiten. Die Engine-Group generiert etwa drei Viertel des Jahresumsatzes von etwa sechs Milliarden Dollar. Etwa ein Viertel kommt von der Drivetrain Group. Innerhalb der Engine Group gibt es fünf Subdivisions, von denen ich die Einheiten Beru Systems und Emissions Systems verantworte.
Warum hat Beru seinen Namen innerhalb von Borg Warner beibehalten?
Waldhier: Dass Beru als Markenname erhalten bleibt, ist ein Hinweis auf den exzellenten Ruf unserer Produkte vor allem im Aftermarket und die hohe Wertigkeit der Marke. Immerhin erzielen wir ein Drittel des Umsatzes und einen überproportionalen Anteil des Gewinns im Handelsgeschäft.
Hat Beru Systems die Krise überstanden?
Waldhier: Ich denke ja. Das Gesamtunternehmen Borg Warner hat ja Anfang diesen Jahres sehr erfreuliche Zahlen veröffentlicht, die so ähnlich auch die Lage bei Beru Systems widerspiegeln.
Wie hat Beru Systems auf die Krise reagiert?
Waldhier: Wir hatten im Zusammenhang mit der Eingliederung in Borg Warner die Struktur von Beru schon beginnend in 2007 verändert. Beispielsweise hatten wir uns von einigen nicht Kernprodukten getrennt und die Aktivitäten im Hinblick auf die Prozesstechnologien an weniger Standorten als vorher gebündelt. Etwa die Glühkerzenproduktion am Standort Ludwigsburg konzentriert, da bei der hochautomatisierten Glühkerzenproduktion die vorhandenen Lohnkostennachteile kaum ins Gewicht fallen. So hatten wir praktisch schon vor der Krise unseren „industrial footprint“ auf Vordermann gebracht. In Deutschland sind wir mit der Kurzarbeiterregelung und verkürzten Arbeitszeiten gut durch die Krise gekommen.
Die Kurzarbeit ist jetzt aber wieder passé?
Waldhier: Die Kurzarbeit ist vorbei. Im Werk Ludwigsburg arbeiten wir in einigen Produk- tionslinien wieder mit 18 oder sogar 21 Schichten pro Woche.
Wie entwickeln sich die einzelnen Produktbereiche von Beru Systems?
Waldhier: Beru Systems konzentriert sich auf vier Produktlinien. Bei den Dieselkaltstartsystemen sind wir Markt- und Technologieführer mit einem sehr modernen Produktportfolio – Glühkerzen aus Stahl und Keramik, Drucksensor-Glühkerzen sowie Elektronikkomponenten. Weitere Linien sind die Zündsysteme, Smart Sensors und Zuheizsysteme. Alles was nicht in dieses Portfolio passte oder einfachste Commodities waren, haben wir konsequent abgegeben. Die vier Produktlinien sind natürlich automobilorientiert, aber nicht nur. Wir fertigen beispielsweise auch Zündsysteme für häusliche Gasthermen und Ölbrenner oder auch für Landmaschinen.
Welche Entwicklung haben die anderen Produktlinien genommen?
Waldhier: Die Zündsysteme umfassen Zündkerzen für Automobile und Industrieanwendungen, Zündspulen und die Innovation Hochfrequenzzündung. Letztere ist in der Lage, auch magerste Gemische zuverlässig zu entflammen. Die Hochfrequenzzündung sorgt durch eine Elektronenentladung im ganzen Brennraum dafür, dass das Gemisch mit dem Sauerstoff reagiert. Wir arbeiten an diesem Thema derzeit mit zwei Leitkunden und wollen bis 2014 damit bei Ottomotoren in Serie gehen.
Was sind die Vorteile dieser Technik?
Waldhier: „Ecoflash“ hat signifikante Verbrauchsreduzierungen zur Folge, da der Motor mit einem extrem mageren Gemisch gefahren werden kann. Des Weiteren wird das Kaltstart- und Emissionsverhalten deutlich verbessert. Mit Ecoflash wollen wir die Produktführerschaft bei Zündsystemen übernehmen und unter die Top-Anbieter in diesem Segment vorstoßen. Wir sehen die Technik als „Enabler“ für neue Motoren- und Verbrennungskonzepte und somit sehr gute Marktchancen.
Welche Bedeutung hat der Bereich Smart Sensors?
Waldhier: Bei Smart Sensors konzentrieren wir uns auf Reifendruck-Kontrollsysteme und den geschlossenen Hochtemperatursensor. Dieser wird nach seinem Einstieg bei Dieselmotoren künftig auch bei Ottomotoren eingesetzt und misst da wie dort zuverlässig Temperaturen. Etwa im Abgastrakt, wo mit diesen Daten dann die Verbrennung und somit die Abgasgüte optimiert wird. Mit den vorhandenen Aufträgen werden wir uns etwa 20 Prozent des Weltmarktes sichern. Von allen anderen Wegesensoren, Drehwinkelsensoren und so weiter verabschieden wir uns sukzessive.
Warum ein geschlossener Sensor?
Waldhier: Prinzipiell gibt es auch offene Hochtemperatursensoren. Unser geschlossener Messfühler zeichnet sich durch eine höhere Robustheit aus und misst Temperaturen bis 1 150 Grad Celsius.
Und bei den Zuheizsystemen?
Waldhier: Dort haben wir letztes Jahr im Sommer unser Joint Venture mit Eichenauer über PTC-Zuheizer komplett übernommen und die Fertigung von der Pfalz nach Irland verlagert. Wir bieten hier ein technologisch führendes Produkt an und konkurrieren um die Marktführerschaft. Der Markt für PTC-Zuheizer ist sehr entwicklungsfähig, da die effizienzoptimierten Motoren immer weniger Restwärme für die Innenraumheizung zur Verfügung stellen. Erst kürzlich haben wir die ersten Anfragen nach PTC-Zuheizern für Ottomotoren erhalten.
Und auch Elektrofahrzeuge wollen beheizt werden. Hier entwickeln wir Hochvoltheizer, die wir bereits bei einem Feldversuch von BMW in Elektrofahrzeugen testen konnten.
Also rechnen Sie stark mit den Elektrofahrzeugen?
Waldhier: Da muss man realistisch bleiben und sich die Fakten ansehen: weit geringere Reichweite, ungünstiger Strommix und die Preise und Massen der Batterien sprechen derzeit noch eindeutig für den Verbrennungsmotor. Natürlich wird das Elektroauto in Zukunft gewisse Nischen besetzen, etwa bei den Stadtfahrzeugen. Aber einen grundlegenden Wandel von fossilen Brennstoffen zum Elektroantrieb sehe ich erst in weiter Ferne.
Wie sieht dann mittelfristig die Wachstumskurve bei Beru Systems aus?
Waldhier: Wir haben mit Europa einen eher gesättigten Dieselmarkt, in Nordamerika und China wird der Diesel kaum Chancen haben. Lediglich Indien ist ein entwicklungsfähiger Dieselmarkt, wo wir auch schon ein Joint Venture haben. Die zukünftige Besteuerung dürfte für die Marktchancen des Diesels in der EU entscheidend sein. Wo wir uns große Hoffnungen machen, ist das zunehmende Downsizing vor allem bei Ottomotoren. Hier sehen wir für unsere Zuheizer, aber auch für die Zündungskomponenten noch interessante Wachstumsmärkte. Und das intensivere Motormanagement erfordert mehr Daten wie etwa von unserem Hochtemperatursensor.
Und in Richtung Elektromobilität?
Waldhier: Reifendruck-Kontrollsysteme und Temperatursensoren braucht man auch bei Elektroautos, ebenso wie Zuheizer.
Wo sehen Sie regional die Wachstumsmärkte für Ihr Unternehmen?
Waldhier: Borg Warner generiert seinen Umsatz zu 50 Prozent in Europa, zu knapp 30 Prozent in Nordamerika und gut 20 Prozent in Asien. Im Vergleich zu anderen amerikanischen Zulieferern, die sehr stark von den „Großen Drei“ aus den USA abhängig waren, ist Borg Warner in der glücklichen Situation einer sehr ausgeglichenen Kundenbasis. Wir legen unseren Fokus klar auf Asien, wo Borg Warner auch schon einige Standorte in China, Indien, Japan, Korea,Taiwan und Thailand aufgebaut hat.
Fotos: Beru Systems GmbH
Das Interview führte Herbert Neumann, Chefredakteur der AutomobilKONSTRUKTION
Beru; Telefon: 07141 132-233; E-Mail: hans-peter.vater@beru.de
Thomas Waldhier (48) studierte in Karlsruhe Wirtschaftsingenieurwesen. Danach arbeitete er unter anderem bei Faurecia im Interieur und wechselte dann zum Joint Venture SAS von Faurecia/Siemens VDO in die Geschäftsführung. Ab Oktober 2007 war er Vorstandsvorsitzender der Beru AG und ist nach der Verschmelzung mit Borg Warner jetzt Geschäftsführer der Borg Warner Beru Systems GmbH.

Kurzprofil der Borg Warner Beru Systems GmbH
  • Das Unternehmen ist mit einem geschätzten Weltmarktanteil von über 40 % bei Glühkerzen für Dieselmotoren einer der weltweit führenden Anbieter in der Dieselkaltstarttechnologie
  • Im Bereich der Zündungstechnik für Benzinmotoren zählt die Gesellschaft ebenfalls zu den vier führenden Anbietern in Europa
  • Beru expandiert stark in den Elektronikbereich mit dem Schwerpunkt kompletter, elektronischer Systemlösungen für die Fahrzeugindustrie
  • Das Unternehmen zählt nahezu alle Automobil- und Motorenhersteller der Welt zu seinen Kunden. Für den Aftermarket werden alle namhaften Handels- und Werkstattpartner beliefert
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