Dr. Peter Pleus, Geschäftsleitung Schaeffler Gruppe Automotive, Herzogenaurach

Bergauf in alle Richtungen

Dr. Peter Pleus
Anzeige
Möglichst viele Felder besetzen und für die richtigen Technologien Differenzierungsmerkmale erarbeiten: Das sind die Herausforderungen, die die Automobilzulieferer umtreiben. Bei Schaeffler scheint man zu wissen, wie das geht. Zusätzliche Umfänge im Auto sorgen für überdurchschnittliches Wachstum. AutomobilKONSTRUKTION sprach mit Dr. Peter Pleus über die Symbiose CO2-Reduktion und Fahrspaß und erfuhr, welche drei Wünsche die OEM ihm erfüllen könnten, wenn er sie denn frei hätte.

Das Interview führte Angela Scheufler vom AS Presse Service, Neunkirchen am Brand

Wie ist die aktuelle Situation der Schaeffler-Gruppe Automotive?
Dr. Pleus: Die ist gut, auch sind wir gut durch die Krise gekommen. Die Automobilindustrie hat sich so erstaunlich positiv entwickelt wie sich der Abschwung Ende 2008 erschreckend negativ vollzogen hat. Ende des ersten Quartals 2010 gab es für uns eine kurze Schrecksekunde, als wir erkannt haben, dass es doch deutlich stärker bergauf geht, als wir es uns vorgestellt hatten. Die Kapazitätsgrenze ist in verschiedenen Bereichen erreicht und wir unternehmen große Anstrengungen, hier Entlastung zu schaffen. Wir wachsen überproportional zum Markt, weil wir durch Innovationen zusätzliche Umfänge ins Auto gebracht haben. Systeme wie variable Ventilsteuerungen, Doppelkupplungsgetriebe oder elektromechanische Lenkung finden besonders in kleineren und volumenstarken Modellen Eingang. Das Wachstum kommt sehr stark aus Asien.
Welche zukunftsweisenden Produkte bietet Schaeffler für Motor, Getriebe und Fahrwerk?
Dr. Pleus: Im Motor ist das beispielsweise die weltweit erste vollvariable hydraulische Ventilsteuerung Multiair, die zusammen mit Fiat in den Markt eingeführt wurde. Im nächsten Jahr wird auch Chrysler diese Technologie in Nordamerika einsetzen und weitere Programme sind in Entwicklung. Ein weiteres Thema ist die Nockenwellenverstellung. Die Phasenverstellung als einfachste Form der Steuerungsvariabilität kommt auch in kleinen Ottomotoren und wir haben das Thema gerade auch in Asien stark besetzt. Im Getriebebereich gewinnt das Thema Doppelkupplungsgetriebe an ‚Fahrt‘. Deutliches Wachstum sehen wir bei den trockenen Doppelkupplungsgetrieben, wo inzwischen eine ganze Reihe weiterer Programme in Serie kommt. Ich glaube, dass dieses Produkt den Getriebesektor in den nächsten Jahren prägen wird. Weitere Themen mit deutlichem Potenzial haben Elemente für CVT-Getriebe. Diese Getriebeform ist besonders in Asien weiter attraktiv. Im Fahrwerk präsentiert sich die elektromechanische Lenkung. Hier legen Module wie Kugelgewindetrieb oder Radlager mit Stirnverzahnung auch im Volumen der Serie deutlich zu.
Die Ideen bezüglich alternative Antriebe gehen in viele Richtungen. Welche Technologie favorisiert Schaeffler?
Dr. Pleus: Wir favorisieren nicht die eine Technologie. Momentan erleben wir eine spannende Phase, die sich dadurch auszeichnet, dass noch kein Königsweg definiert ist. Es gibt zum Beispiel unterschiedliche Ansätze für die Gestaltung von Hybridfahrzeugen. In großem Maße gilt das auch für die e-Mobility. Für uns als Zulieferer ist diese Vielfalt eine Herausforderung, denn wir müssen verschiedene Felder besetzen. Dies tun wir bereits traditionell beim konventionellen Antriebsstrang. Wir ergänzen unser Engagement jetzt entschieden in der e-Mobility, wofür wir die eigene Expertise ausbauen. Auch wenn über den Grad künftiger e-Mobility noch diskutiert wird, ist doch eindeutig, dass diese Technik Einzug in die Automobilwelt finden wird. Unsere Aufgabe ist es, die richtige Technologie zu identifizieren und dafür Differenzierungsmerkmale zu erarbeiten.
An welche Technologie glauben Sie persönlich?
Dr. Pleus: Die künftigen favorisierten Konzepte werden davon abhängen, in welcher Infrastruktur die Fahrzeuge Einsatz finden. Im urbanen Umfeld werden vollelektrische Fahrzeuge ihre Stärken ausspielen können. Wichtig wird aber auch das Thema Range Extender. Und es wird darum gehen, konventionelle Antriebe weiter zu optimierten. Er bietet noch Potenziale zur CO2- und Verbrauchs-Reduktion von etwa 20 Prozent gegenüber dem heutigen Entwicklungsstand.
Bleibt neben den Umwelt schonenden Entwicklungen noch Raum für Fahrspaß?
Dr. Pleus: Davon bin ich überzeugt. Fahrspaß und Umweltverträglichkeit müssen sich nicht ausschließen. Wenn Sie beispielsweise ein Fahrzeug mit Multiair-Technologie fahren, erleben Sie Fahrspaß sowie niedrigen CO2-Ausstoß und geringen Verbrauch. Ich bin unlängst einen Fiat mit dem Twinair-Zweizylinder gefahren. Das Auto fährt sich wie ein Go-Kart und macht großen Spaß.
Ein weiteres Thema ist die elektromechanische Wankstabilisierung. Sie schont ebenfalls die Umwelt, schließlich wird die Hydraulik durch Elektronik ersetzt. So wird der Energieverbrauch bedarfsgesteuert. Das trägt zur CO2-Reduktion bei, verbessert die Querdynamik und steigert so auch den Fahrspaß.
Wie sieht die Zusammenarbeit mit Continental aus, welche Synergien sind entstanden?
Dr. Pleus: Spricht man über Synergien in der Zusammenarbeit mit Continental betrifft das in erster Linie Themen, die im Feld der zukunftsfähigen Technologien liegen. Wir bearbeiten heute schon eine ganze Reihe von Projekten gemeinsam. Zum Beispiel kommen mit einer Ausnahme sämtliche Getriebesteuerungen bei Doppelkupplungsgetrieben von Continental. Beim Turbolader finden sich die Continental-Produktentwicklung und die Schaeffler-Produktions-Prozessentwicklung und -Industrialisierung zusammen. Auch im Motor sind die gemeinsamen Aktivitäten deutlich intensiver geworden. Beim Thema Multiair sind wir dabei, Continental bei der Steuerung mit einzubeziehen. Wir arbeiten zudem sehr eng bei einigen Sensorik-Themen zusammen.
Wenn Sie drei Wünsche an die OEM dieser Welt frei hätten, welche wären das?
Dr. Pleus: Ich würde mir erstens wünschen, dass die OEM uns als Zulieferer frühzeitig in Entwicklungen einbinden und damit die Möglichkeit geben, unsere Ideen einzubringen. Möglicherweise aus der konkreten Situation der Jahre 2009/10 heraus motiviert, wünsche ich mir zweitens, dass wir deutlich längere Planungshorizonte bekommen, um selbst besser planen zu können, wohlwissend dass es nie Planungssicherheit geben kann. Die Beschaffungszeiten für Maschinen liegen beispielsweise schon wieder über einem Jahr. Aber nicht alle OEM sind bereit, uns diese Vorausschau zu geben. Möglicherweise besteht die Befürchtung, dass solche Planungsdaten bei Zulieferern nicht vertraulich behandelt werden. Ich werbe dafür, dass wir sehr wohl verantwortungsbewusst mit diesen wie auch allen anderen Daten umgehen. Drittens wünschte ich mir ein faireres Umgehen miteinander beim Umgang mit Know-how und geistigem Eigentum. Wir sind Teil einer hoch innovativen Industrie. Entscheidende Innovationen entstehen bei den OEM, aber auch bei den Zulieferern. Wenn wir uns auf Zuliefererseite solche Innovationen erarbeiten, müssen auch wir wirtschaftlichen Nutzen davon haben.
Wo sehen Sie persönlich die Fahrzeugentwicklung in 2020? Werden wir die Ziele der Bundesregierung mit einer Million Elektrofahrzeugen erreichen?
Dr. Pleus: Da bin ich skeptisch. Die Anzahl ist aber letztendlich nicht entscheidend. Auch lasse ich mich ungern auf eine Zahl festlegen, weil das aus meiner Sicht schwierig ist. Wichtig ist vielmehr, sich darüber im Klaren zu sein, dass es e-Mobility geben wird und sich mit der Entwicklung entsprechender Systeme intensiv auseinander zu setzen.
Und 2050? Es muss doch möglich sein, eine Batterie zu entwickeln, mit der sich lange Strecken zurücklegen lassen.
Dr. Pleus: Man sagt ja, die Batterie wird in Vergleichen mit anderen Antriebskonzepten unfair behandelt, weil sie gegenüber dem Verbrennungsmotor den Nachteil hat, dass beide Reaktionspartner an Bord mitgenommen werden müssen. Der Verbrennungsmotor hingegen kann einen Reaktionspartner, die Luft, während der Fahrt „umsonst“ anzapfen. Das ist das ganze Problem, sowohl volumetrisch als auch vom Gewicht her. Also gibt es die Idee, eine Metall-Luft-Batterie-Technologie zu entwickeln. Wem das gelingt, ist Nobelpreis verdächtig. Aus meiner Sicht sollten wir uns zunächst aber auch mit viel näherliegenden Themen beschäftigen. In der Öffentlichkeit kommen zum Beispiel alternative Kraftstoffe etwas zu kurz. In einigen Gegenden der Welt wäre es durchaus attraktiv, nicht nur über Biokraftstoffe, sondern auch über CNG und LPG, also Gas, nachzudenken. Ressourcen und Infrastruktur sind vorhanden. Die Technologie kann mit vergleichbar geringem Aufwand adaptiert werden. Das würde bereits positive Effekte in Sachen CO2-Reduktion bringen. Ich wundere mich, dass in diese Richtung nicht mehr Druck kommt. Vielleicht wird auch die Brennstoffzelle wieder eine stärkere Rolle spielen, wenn wir in eine Phase der Elektromobilität eintreten, die frei ist von flüssigen Kraftstoffen. Vielleicht wird das das Thema 2050.
Fotos: Thomas Kunert
Schaeffler; Telefon: 09132/82 7557; E-Mail: joerg.walz@schaeffler.com
„Die künftigen favorisierten Antriebs-Konzepte werden davon abhängen, in welchen Infrastrukturen die Fahrzeuge Einsatz finden. Im urbanen Umfeld werden vollelektrische Fahrzeuge ihre Stärken ausspielen können. Wichtig wird aber auch das Thema Range Extender. Und es wird darum gehen, den konventionellen Antrieb weiter zu optimierten.“

Schaeffler Gruppe
Anzeige

Aktuelle Ausgabe

Titelbild AutomobilKONSTRUKTION S5
Ausgabe
S5.2019
LESEN
ARCHIV
ABO

Newsletter

Jetzt unseren Newsletter abonnieren

Webinare & Webcasts

Technisches Wissen aus erster Hand

Whitepaper

Whitepaper aller unserer Industrieseiten

Video-Tipps

Unser aktueller Video-Tipp: 100 Jahre BMW

Weiterbildung

Weiterbildungsangebote für den Konstruktions- und Entwicklungsingenieur

Anzeige
Anzeige

Industrie.de Infoservice

Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Industrie.de Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Verlag Robert Kohlhammer GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Industrie.de Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Industrie.de Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de