Mercedes-Benz C 250 T Bluetec: intelligenter Langstreckenläufer

Oberklasse in der Mittelklasse

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C-Klasse-Kombi: Was vor 30 Jahren noch als Lebensziel für den auf die Rente zuarbeitenden schwäbischen Handwerker galt, ist heute ein schnittiger Lifestyle-Kombi. Optisch und antriebstechnisch geht die Post ab, dazu noch sehr komfortabel.

Der Autor: Testwagenfahrer Jürgen Goroncy ist freier Mitarbeiter der KEM

Tatort Autobahn: Wenig Verkehr, den Tempomat Distronic plus auf 140 km/h eingestellt und wenn die damit gekoppelte Lenkassistenz ebenfalls aktiviert ist, kann man die Hände vorsichtig vom Lenkrad abheben. Es funktioniert. Wie von Geisterhand gelenkt folgt die C-Klasse der leichten Autobahnkurve. Allerdings nur für einige Sekunden. Dann erkennt der Lenkassistent die Zurückhaltung des Fahrers und fordert ihn energisch auf, wieder das Kommando zu übernehmen.
So sieht er also aus, der Einstieg in die schöne neue Welt des automatisierten Fahrens, der auch anders erfolgen kann. Denn die Distronic plus kann die C-Klasse auch automatisch einbremsen und beschleunigen und so dem Stop-and-Go-Verkehr – etwa für den Geschäftsmann – deutlich den Schrecken nehmen. Wird die Geschwindigkeitsdifferenz zum Vordermann dann zu groß oder der Abstand zu gering, tritt der Kollisionsassistenz in Aktion und bremst notfalls bis zum Stillstand herunter. Das funktioniert bis zu einem Tempo von 200 km/h und kann Unfälle vermeiden oder entscheidend abmildern.
Schöne neue Welt des automatisierten Fahrens
Allerdings bremst diese Funktion das Fahrzeug auch dann ab, wenn man sich auf der Autobahn dem Vordermann schnell nähert und nicht frühzeitig genug zum Überholen ausschert. Zwar lässt sich der Abstand in mehreren Stufen einstellen, ab dem das System sicherheitshalber bremst. Aber selbst wenn man den geringsten Abstand wählt, muss man (gefühlt) sehr früh ausscheren, um der Systemreaktion zu entgehen.
Ebenfalls sehr gut, aber nicht perfekt, wirkt der Spurhalteassistent. Die Lenkradvibrationen und das einseitige Bremsen mögen zwar hilfreich sein, wenn die Spur unbeabsichtigt verlassen wird. Jedoch empfindet mancher die Vibrationen und den Bremseingriff als zu frühzeitig und zu heftig, insbesondere, wenn man die Kurven bewusst schneidet. Und sollte bei einem geplanten Spurwechsel links und rechts schon ein Fahrzeug fahren, blinkt und piepst die C-Klasse ebenfalls sehr auffällig – was beispielsweise einige Beifahrer im KEM-Testalltag monierten.
Sehr hilfreich für ein Flottenfahrzeug wurde hingegen der Verkehrszeichenassistent empfunden, der Geschwindigkeitsbegrenzungen und Überholverbote anzeigt. Angenehm entlastend wirkt auch der Fernlichtassistent, der andere Fahrzeuge gezielt im Fernlichtkegel ausblendet und dem Fahrer damit das andauernde Auf- und Abblenden abnimmt. Und wer das Ein- und Ausparken nicht mag, kann in diesen Situationen dem Parkassistenten das Rangieren überlassen.
Über all dieses Abgeben von Fahraufgaben soll aber nicht unterschlagen werden, dass der C-Klasse-Kombi auch jede Menge Fahrspaß bietet. Vor allem auf Autobahnen; Motor, Fahrwerk, Aeroakustik und Bedienfunktionen gehen dann eine Melange ein, die ein überaus komfor-tables und entspanntes Reisen ermöglicht. Der 2,1-l-Dieselmotor entwickelt mehr als genügend „Bums“ (500 Nm Drehmoment, 150 kW Leistung) für hohe Durchschnittsgeschwindigkeiten. Er bleibt dabei aber akustisch unauffällig und die tatsächlich konsumierten 5,9 l Diesel pro 100 km – auf einer Testdistanz von 2500 km – erfreuen den Flottenmanager. Per Knopfdruck kann man die Motorcharakteristik in vier Stufen von sehr sportlich bis ökonomisch verändern.
Auch mit der hauseigenen Siebengangautomatik harmoniert das Dieselaggregat gut. Aber wer schon mal eine Achtgangautomatik von ZF gefahren hat, weiß, dass bezüglich Schaltkomfort und situative Fahrstufenanpassung der Hammer eindeutig am Bodensee hängt. Wer auf Sparsamkeit im Fuhrpark setzt, kann auf weitere Selbstzünder (zwischen 85 und 125 kW) und Ottomotoren (115 bis 155 kW) zurückgreifen. Zusätzlich ist der starke Dieselmotor (150 kW) auch zusammen mit einer E-Maschine (27 kW) als Hybridantrieb verfügbar, dann aber nicht mehr unbedingt flottenkompatibel.
Nichts nachsagen lässt sich dem Fahrwerk; es bügelt die Unebenheiten gut weg und ist ausreichend straff bei der Kurvenhatz. Wer noch mehr Verwöhnaroma will, der greife zur Luftfederung samt adaptiver Dämpfung.
Etwas umständlich gerät jedoch die Bedienung. Schon der Wischerhebel links an der Lenksäule ist für die Nicht-Mercedes-Fahrer ungewohnt, die ihn zum Blinken intuitiv bedienen – und sich dann über aktivierte Scheibenwischer wundern. Auch die Bedienung des Infotainmentsystems erfordert eine gewisse Fingerfertigkeit, da schräg über dem Dreh-Drück-Steller eine Handauflage platziert ist, die dem beherzten Zugriff auf die Schaltzentrale im Wege steht. Da die Handauflage aber eigentlich ein Touchpad ist, kann es dem ungeübten Fahrer schon mal passieren, dass er bei einer unbewussten Handbewegung ungewollt Aktionen im Bedienmenü auslöst. Vorsicht ist bei starker Sonneneinstrahlung geboten, da sich die Metallumrahmung des Touchpads dann stark aufheizt. Die auf dem Touchpad oder Dreh-Drück-Steller eingegebenen Befehle lassen sich auf dem mittig angebrachten Farbdisplay betrachten, das sehr gut ablesbar ist. Wer es noch leichter will, kann auf der Optionsliste das Head-up-Display ankreuzen, das die Geschwindigkeit, Tempolimits und Navigationshinweise anzeigt.
Tadellos sind auch die Sitze mit ihren vielen Einstellmöglichkeiten und genügend Seitenhalt. Eine Reihe weiter hinten lässt es sich fast genauso komfortabel sitzen, ein optionaler, separater Klimaregler verspricht individuelles Wohlfühlklima. Die Rückenlehne im Fond lässt sich im Verhältnis 40:20:40 umklappen, nach Betätigen der Entriegelung schwenken die Lehnen automatisch nach vorn und bilden eine fast ebene Ladefläche. Die nimmt in diesem Zustand 1510 l Volumen auf, als Fünfsitzer sind es 490 l. Das ist Durchschnitt im Segment der Lifestyle-Kombis, aber kein Vergleich zum neuen VW Passat, der 650 bis 1780 l schluckt. Wenn die Heckklappe elektrisch unterstützt – oder sogar per Fußkick ausgelöst – aufklappt und eine große Öffnung freigibt, wird das Be- und Entladen kinderleicht.
Selbst im Heck wirkt die C-Klasse sauber verarbeitet und verströmt rund um Fahrer und Beifahrer sogar S-Klasse-Feeling. Hochwertige Materialien und ein dezentes Design geben speziell dem 3er-BMW das Nachsehen und sind absolut auf Audi-Niveau. Auch das Außendesign hat sich endgültig von der früher Mercedes-typischen Behäbigkeit verabschiedet.
Die bisher hochwertigste C-Klasse lässt sich Mercedes-Benz aber auch bezahlen. So werden für den KEM-Testwagen gut 66 000 Euro (inkl. MwSt.) aufgerufen, das ist etwas mehr als für einen vergleichbaren 3er. Die Kunden bekommen dafür aber – Stand heute – einen der besten Mittelklasse-Kombis. I

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