Der Clay bleibt – noch - AutomobilKONSTRUKTION

CAD+Simulation

Der Clay bleibt – noch

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Wir haben uns mit den Design-spezialisten des Opel GT Concept und des Porsche Mission E darüber unterhalten, wie wichtig Claymodelle in Zeiten von 3D-Animation und Virtual Reality noch sind. Zudem haben wir hinterfragt, wie Concept Cars eine Marke weiterbringen.

Die Interviews führte Tobias Meyer, freier Mitarbeiter der AutomobilKonstruktion

Designwelt im Umbruch: Trotz digitaler 3D-Visualisierung sind Claymodelle unerlässlich
Christian Braun, Manager Visualization Style erklärt, wie bei Porsche ein Entwurf zum fertigen Wagen wird: „Wir entwickeln bei Porsche das Design der Fahrzeuge in unserem Designdepartment. Die Designer kennen das Fahrzeug sehr genau von der Proportion bis hin zum kleinsten Detail. Um dies digital zu unterstützen, nutzen wir Tools von Autodesk. Schon in der ganz frühen Phase des Designs visualisieren wir vieles in Vred, um erste Ideen zu zeigen. Von mehreren Entwürfen fallen dann einige in den ersten Entscheidungsrunden weg, aus einigen Entwürfen werden Details in die übrig gebliebenen Konzepte übernommen. Aus den vielen Anfangsideen läuft dann langsam – wie in einem Trichter – alles auf das finale Konzept zu.
Relativ bald kommt dann die Strak-Abteilung dazu, sie erzeugt die Oberflächen in höchster Qualität, Rundungen und Kanten erscheinen dann perfekt. Für die Strak Abteilung visualisieren wir in Dienstleistung, soweit ich weiß ist das in der Industrie einzigartig. Diese Daten übernehmen wir ebenfalls sofort in unsere CAD-Datei. Lichtberechnungen und andere Effekte können nun perfekt visualisiert werden, was für uns ein riesiger Benefit ist. Später werden aus dieser Datei auch die Werkzeuge für die Produktion gefräst.
Künftig wollen wir diese Daten auch im HMI des Autos nutzen, etwa indem wir den Wagen als 3D-Ansicht auf einem Display im Armaturenbrett zeigen und der Fahrer durch antippen eines bestimmten Bereiches z.B. den Heckspoiler ausfahren kann. Hier können wir dann exakt das Modell abbilden, das sich der Kunde selbst konfiguriert hat. Das klingt trivial, ist aber sehr umfangreich, da wir hier mit einem 100% korrekten Modell des Fahrzeuges arbeiten können. Würden sie für die Displays neue 3D-Modelle generieren, müssten sie diese erst wieder prüfen und in allen Details auf Korrektheit absichern. Das Problem ist aktuell noch, dass die Originalmodelle mit 20 bis 30 Millionen Polygonen zu schwer sind – wir sind aktuell aber schon mit Autodesk im Gespräch, wie wir die Verwendung unseres Datensatzes dafür realisieren können. Entscheidend wird hier sein, einen Toleranz-Standard zu definieren, wie weit wir das Modell reduzieren: Was lassen wir weg, was muss bleiben.
Ebenso vorstellbar wäre die Verwendung der Daten in einem virtuellen Konfigurator, der vom Kunden im Händler-Showroom via 3D-Brille „betreten“ wird. Dort kann er sich seinen Wagen exakt so zusammenstellen und die Ergebnisse von Farbe bis Lederart sofort einschätzen.
Boris Jacob ist Chief Exterior Designer bei Opel und braucht nach wie vor handgefertigte Modelle, auch wenn im virtuellen Raum inzwischen beinahe alles wie echt aussieht: „Ein gutes Beispiel für die Notwendigkeit des Clays: Als ein Kollege das Modell des neuen GT zum ersten Mal sah, sagte er: Das ist so ein Auto, das ich gerne waschen würde. Solche Emotionen entstehen im 3D-Modell am Monitor nicht, und Design ist eben eine sehr sensitive Sache. Bis solche Dinge virtuell nachgebildet werden können, bleibt der Clay sicherlich ein Teil jeden Konzepts. Denn ob der Funke überspringt, sieht man wirklich oft erst im Clay-Modell. Die Nachfolgende Generation wird auf den Clay aber verzichten können, einfach weil sie andere Sehgewohnheiten hat als wir. Es wird für sie normal sein, Produkte in der Virtuellen Realität zu beurteilen. Wenn es irgendwann holographische Projektionen gibt, die man z.B. mit einem Handschuh auch ertasten können wird, kann das Ganze so real werden, dass man keinen Unterschied mehr sieht. Dann fällt das Claymodelling endgültig.
Ähnlich sieht man es bei den Stuttgarter Sportwagenbauern: „Wir arbeiten auch bei Porsche immer noch mit Clay-Modellen. Vieles kann inzwischen im Virtuellen erledigt werden. Wir müssen z.B. während der Ideenfindung ganz am Anfang nicht mehr für jedes Konzept ein Modell bauen. Auch in den Details im Innenraum mit Oberflächen und Ausstattungen fallen Entscheidungen heute großteils am Computer. Da sparen wir heute extrem viel Modellarbeit. Zur endgültigen finalen Entscheidung ist das Modell aber immer noch wichtig. Wir wollen aber auch hier weiterkommen, ein ganz klarer Konzernauftrag ist die Digitalisierung im Design.
Auch die Erstellung von Pressebildern wird von uns Designern begleitet und basiert auf den 3D-Daten. Wir entscheiden über Licht, Winkel, Kulisse etc. Nur so können wir sicher sein, dass unser Produkt immer auf die gleiche Weise wahrgenommen wird. Ein Designer kennt sein Produkt seit Beginn. Wir wissen, wo welche Kanten rund abfallen müssen, was ein Außenstehender mit einem zusätzlich eingebautem Highlight vielleicht versehentlich wie eine harte Kante aussehen lassen würde.
Ein weiterer Vorteil: Wir können auf den Datensätzen global aufbauen, sprich, wenn wir etwa in der 911er-Serie ein Produktaufwertung oder auch die neue Generation planen, setzen wir wieder an den bestehenden Daten an. Wir müssen also nie von vorne anfangen.
Warum aufwändige Konzeptsudien so wichtig für den Designprozess sind, können die Experten ebenfalls erklären: „Die Leute müssen den neuen GT Concept nicht unbedingt als Serienfahrzeug sehen, es ist aber wichtig, ihnen zu zeigen, wofür wir als Konzern stehen und wo wir hin wollen. Wenn wir das nicht formulieren können, sind wir bedeutungslos. Daher sind solche Concept Cars so wichtig, weil man einmal ohne die Rahmen der jeweiligen Serie völlig frei denken kann und so auf Ideen kommt, die man sonst nie hätte. Und einige sind dann so gut, dass sie sich schnell auch in anderen Opel-Produkten-Fahrzeugen finden. Wenn man eine Marke sauber ausrichten will – und das wollen wir – darf man nicht jedem gefallen wollen und deswegen überall Kompromisse eingehen. Viele fragen z.B. warum der GT Concept rote Reifen habe, worauf ich antworte: Genau aus diesem Grund, weil wir jetzt darüber sprechen. Ich habe lieber 50 %, denen der Wagen sehr gefällt, als 80 %, denen er mehr oder weniger egal ist, weil sie aufgrund der Kompromisse zwar mit ihm leben können, aber so richtig gefällt er ihnen trotzdem nicht. Das bringt nichts, denn so einen Wagen kauft niemand.“
Ähnlich sieht es Christian Braun: „Showcars, wie etwa der Porsche Mission E, sind sehr wichtig für den Designprozess, denn hier kann man immer einen Schritt weiter gehen. Denn die Serienentwicklung läuft mehr evolutionär ab, ein Concept Car kann revolutionärer sein. Auch wenn das Fahrzeug dann nicht in Serie geht, kann es passieren, dass uns bestimmte Partien so gut gefallen haben, dass wir sie in anderen Fahrzeugen wieder aufgreifen. Das ist immer gut, um die Gesamtlinie der Marke weiterzuentwickeln.“
Ebenso einig sind sich die beiden Designspezialisten, dass Zeitlosigkeit wichtiger ist, als schnelllebige Trends: „Krasse Outfits sind meist nur kurz hipp und dann sofort wieder völlig out, ein zeitloser schwarzer Anzug dagegen unterstreicht die Persönlichkeit, genau so sollte auch der Opel GT Concept sein: Schlicht, aber dennoch mit guten Proportionen. Nur so kann ein Auto auch eine Generation überzeugen, die nicht mehr sofort unter die Motorhaube sehen will, sich stattdessen aber dafür interessiert, wie gut die Steuerung und Integration mit dem Smartphone harmoniert. Diese Generation will Autos, die Akzente in der Technologie und Ökologie setzen, aber trotzdem schick aussehen.“
Porsche setzt ebenso auf Dauerhaftigkeit im Design: „Die Visualisierung hilft uns beispielsweise auch unheimlich, um feste Größen im Interieur auf neue Gegebenheiten zu trimmen: Der mittige Drehzahlmesser ist bei uns eine dieser Kerndesignelemente. Mit dem Elektroantrieb wir dieser eigentlich obsolet, weglassen können wir ihn aber natürlich nicht, dafür ist das Teil zu elementar für einen Porsche. In der 3D-Visualisierung können wir hier nun sehr einfach mit neuen Ideen spielen.“
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