Weiterentwicklung aktiver und passiver Sicherheitssysteme soll Zahl der Verkehrstoten weiter senken

Mit Simulation und Crashtest zu mehr Sicherheit

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In Crashtests optimierte passive Sicherheitssysteme haben entscheidend dazu beigetragen, dass die Zahl der Verkehrstoten in den zurückliegenden Jahren gravierend gesunken ist. Jetzt gilt es, Systeme voranzutreiben, die schon in der Pre-Crash-Phase aktiv werden. Simulationsprogramme und variierte Crashtests sollen die Entwicklung forcieren.

Der Autor: Dr.-Ing. Rolf Langbein, freier Mitarbeiter der AutomobilKonstruktion

Jahr für Jahr steigt die Zahl der Kraftfahrzeuge auf deutschen Straßen, aber gleichzeitig – und das ist die erfreuliche Entwicklung – sinkt die Zahl der Verkehrstoten immer weiter. Lag deren Zahl 1970 noch bei rund 19 200, so ging sie bis 2013 auf 3339 zurück. Und das, obwohl die Zahl der in Deutschland zugelassenen Fahr zeuge von 21 Mio. (1970) auf 53 Mio. (zum 1. Januar 2014) angestiegen ist.
Entscheidend hat zu dieser Entwicklung die stete Verbesserung passiver Sicherheitssysteme und -elemente wie zum Beispiel die Knautschzone, aber auch Airbags, Gurtstraffer, Sicherheitslenksäule und Kindersitze sowie vor allem die Sicherheitsfahrgastzelle beigetragen. Diese Systeme haben inzwischen einen Reifegrad erreicht, an dem weitere Verbesserungen nur mit großem Aufwand zu realisieren sind. „Autofahren in Deutschland war noch nie so sicher wie heute“, sagte daher Dierk Arp, Geschäftsführer der Messring Systembau GmbH in Krailling, anlässlich der „Messring Testing Day 2014“ im Mai dieses Jahres.
Großen Anteil daran hat die Messring Systembau GmbH aus München, weltweit führender Hersteller von Crashtestanlagen und deren Komponenten. Bis heute haben die Spezialisten mehr als 100 komplette Crashtestanlagen auf der ganzen Welt für Automobilhersteller, Automobilzulieferer, staatliche Aufraggeber und Versicherungen geplant und realisiert. Große Anlagen befinden sich aktuell weltweit in der Planungs- und Bauphase. In Crashtests auf diesen Anlagen ermitteln Ingenieure das Verhalten von Fahrzeugen in allen erdenklichen Unfallsituationen (z. B. Fahrzeug gegen Fahrzeug oder Fahrzeug gegen stehendes Hindernis). Dabei geben messtechnisch hoch ausgerüstete Dummies Auskunft über Verletzungsgefahren beteiligter Insassen.
Crashtests sind auch die Grundlage für die Bewertung der Sicherheit von neuen Automobiltypen, wie sie von Euro-NCAP (European New Car Assessment Programme – Europäisches Neuwagen-Bewertungs-Programm) vorgenommen werden. Der Euro-NCAP-Crashtest (mit Frontalaufprall, Seitenaufprall und Schlag gegen einen Pfosten) war ursprünglich in vier Teilbereiche gegliedert: Schutz erwachsener Insassen, Fußgängerschutz, Schutz von im Fahrzeugfond sitzenden Kindern sowie unfallvorbeugenden Sicherheitsmerkmalen eines Fahrzeugs. In einem verschlüsselten Verfahren wurden diese mit unterschiedlicher Gewichtung prozentual bewertet. Seit Februar 2009 gibt es nun eine Gesamtbewertung, erweitert durch einen Heckcrashtest und eine Bewertung der aktiven Sicherheitssysteme (z. B. ESP). Außerdem wurden die Bewertungskriterien beim Seitencrash und Pfahlaufpralltest modifiziert. Die Gesamtbewertung mit maximal fünf Sternen berechnet sich ab 2014 aus 40 % Insassenschutz, 20 % Kindersicherheit, 20% Fußgängerschutz und 20 % Aktive Sicherheit.
Was die Zahl der Unfalltoten anbelangt, so ist eines der erklärten Ziele der Europäischen Kommission mit ihren „Leitlinien für die Politik im Bereich der Straßenverkehrssicherheit 2011–2020“ , die Todesopfer auf Europas Straßen in diesem Zeitraum zu halbieren. Allerdings hat nach jüngsten Meldungen des Statistischen Bundesamtes die über Jahre kontinuierliche Abnahme der Verkehrstoten im ersten Halbjahr 2014 einen Rückschlag erlitten.
Erstmals steigt Zahl der Verkehrstoten wieder an
Obwohl die Zahl der Unfälle zurückging, kamen in diesem Zeitraum bei Straßenverkehrsunfällen 137 Personen oder 9,5 % mehr als im ersten Halbjahr 2013 ums Leben. Noch höher war die Zunahme bei der Zahl der Verletzten mit plus 10,6 % auf etwa 185 600 Personen. Die Statistiker weisen jedoch darauf hin, dass in den ersten fünf Monaten dieses Jahres vor allem wesentlich mehr Menschen auf motorisierten Zweirädern (+ 39,7 %) und Fahrrädern (+ 37,1 %) im Straßenverkehr ums Leben gekommen sind.
Wenn das Ziel der Europäischen Kommission erreicht werden soll, gilt es zum einen, die passiven Sicherheitssysteme und -komponenten weiter zu verbessern, zum anderen aber ist das Augenmerk auf aktive Sicherheitssysteme und Fahrerassistenzsysteme gerichtet. Deren Palette reicht von Einparkhilfen, Infrarot-Bewegungsmeldern und Spurassistenten bis hin zur automatischen Abstandsregelung und wird von Jahr zu Jahr größer. Volker Sandner, Leiter Fahrzeugsicherheit beim ADAC, unterstrich anlässlich der Messring Testing Day 2014, wie hoch entwickelt Sicherheitstechnik und Testmethoden in der Automobilbranche inzwischen sind: „Die Entwicklungsgeschwindigkeit beim Thema Kfz-Sicherheit ist rasant. Das kann man auch an der Häufung von Fünf-Sterne-Ergebnissen beim Euro-NCAP Test erkennen. Durch neue weiterführende Testprotokolle und Crashszenarien, die in den nächsten Jahren eingeführt werden, sorgen wir dafür, dass auch in Zukunft die Zahl der Verkehrstoten und -verletzten in Deutschland weiter sinken wird“.
So hat zum Beispiel der ADAC ein neues AEBS-Testsystem (Advanced Emergency Breaking System) für das Verhalten aktiver Sicherheitssysteme in Fahrzeugen entwickelt, zum Patent angemeldet und im vergangenen Jahr vorgestellt. Als Kooperationspartner hat die Messring Systembau GmbH die Produktion und den Vertrieb dieses Testsystems für Notbremsassistenten übernommen. Mit diesem System führt jetzt Euro-NCAP alle Verbraucherschutztests durch. Die Ergebnisse fließen direkt in die bereits bekannte Sternebewertung ein.
Euro-NCAP definiert drei Kategorien von Testszenarien für Assistenzsysteme
Dazu hat Euro-NCAP die Testszenarien für Assistenzsysteme in drei Kategorien unterteilt: City-AEB verhindert Kollisionen innerorts bis 20 km/h, AEB Interurban vermeidet Crashs in einem Bereich zwischen 50 und 80 km/h und das Fußgängererkennungssystem erkennt plötzlich vor dem Fahrzeug auftauchende Fußgänger. Alle drei Szenarien lassen sich mit dem AEBS-Testsystem simulieren.
Immer häufiger setzen Entwickler auf die Simulation. So entwickelt zum Beispiel Virtual Vehicle, ein international führendes Forschungszentrum in Graz/Österreich, in enger Zusammenarbeit mit Automobilherstellern und Forschungsinstituten in der ganzen Welt komplexe Simulationsprogramme. Dabei nimmt sich zum Beispiel das Projekt „Occupant Model for Integrated Safety (OM4IS & OM4IS 2)“ des Themas Mensch und seiner Reaktionen während der Pre-Crash-Phase an. Da konventionelle Crash-Test-Dummies in Versuchen doch nicht wie ein Mensch reagieren, wird in der Simulation die Reaktionsfähigkeit des sogenannten „Mensch-Modells“ weiterentwickelt. Für den Ausbau aktiver Sicherheitssysteme ist das eine wichtige Voraussetzung.
Doch „Crashtests sind trotz Computer-Simulationen nach wie vor die zuverlässigste Methode, um Pkws auf ihre Sicherheit zu überprüfen“, sagt Professor Klaus Thoma, Leiter des Fraunhofer -Instituts für Kurzzeitdynamik EMI. Ende 2012 haben die Fraunhofer-Forscher eine neue Gesamtfahrzeug-Crashanlage in Efringen-Kirchen in Betrieb genommen. Sie ermöglicht Crashtests mit bis zu 80 km/h an Fahrzeugen mit Gewichten bis zu 3 t.
Auch Mercedes rüstet kräftig auf. Mit Unterstützung der Crashtest-Experten von Messring soll bis Mitte 2016 in Sindelfingen das Technologiezentrum Fahrzeugsicherheit entstehen. Zwar ist die Verbesserung der passiven Sicherheit der Schwerpunkt im neuen Testzentrum, dank der großen Halle können aber auch die Fähigkeiten der bei Mercedes Pre-Safe genannten Systeme zur frühzeitigen Erkennung kritischer Situationen weiter verbessert werden.
Messring Systembau GmbH, Tel.: 089 747242-39 e.hennrichs@waechter-waechter.de
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