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Blick in die Zukunft

Pacman an der Ampel? Mikropausen-Apps sollen die Stopps interessanter gestalten
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Unter „Connected Drive“ fasst BMW mehr oder weniger sinnvolle Infotainment-, Sicherheits- und Diagnosefunktionen zusammen. Die Software-Ingenieure in München wollen das Funktionsangebot in Zukunft massiv erweitern und haben dafür einige Ideen.

Der Autor Jürgen Goroncy ist freier Mitarbeiter der AutomobilKONSTRUKTION

Eine Schlüsselrolle bei Connected Drive wird künftig der Fahrzeugschlüssel spielen, obwohl – oder vielleicht gerade weil – er gar nicht mehr als klassischer mechanischer Schlüssel genutzt wird. BMW nutzt den elektronischen Türöffner heute schon als Speichermedium für den Kilometer- und Tankfüllstand, Batterieladezustand oder für Servicedaten, die dann in der Werkstatt ausgelesen werden. Außerdem lassen sich im Schlüssel Radiosender und bestimmte Fahrzeugeinstellungen personenbezogen speichern. Nach Willen der Münchner Elektronikspezialisten könnte der Schlüssel mit einer zusätzlichen Near Field Communication (NFC)-Schnittstelle samt Controller künftig auch als Zahlungsmittel dienen oder nach der Buchung im Auto das Hotelzimmer öffnen. NFC basiert auf RFID-Technik und arbeitet laut BMW auf kurzen Reichweiten von weniger als 10 cm. Systeme zum kontaktlosen Bezahlen oder für das e-Ticketing nutzen NFC schon, die Bundesrepublik Deutschland hat eine solche Schnittstelle ab 1. November 2010 bei Personalausweisen eingeführt.
Vier Hauptfunktionen
Die ersten Prototypen des BMW-Schlüssels haben vier Hauptfunktionen:
Beim Key Ticketing kann der Fahrer aus dem Fahrzeug heraus zum Beispiel eine elektronische Bahnfahrkarte kaufen und diese auf seinem Schlüssel speichern. Im Zug hält er den Schlüssel an das Kontrollterminal des Zugbegleiters, um das gebuchte Ticket auszulesen.
Bei Key Info hat der Fahrer über den Prototyp-Schlüssel und ein mobiles Auslesegerät mit NFC-Schnittstelle wichtige Fahrzeugdaten wie den Schließzustand des Fahrzeugs, Kilometerstand, Tankfüllstand, Batterieladezustand, aktuelle Warnmeldungen, Servicedaten, die GPS-Position des Fahrzeugs und gespeicherte Tickets immer griffbereit.
Deutlich sensibler ist die Nutzung des Schlüssels als Kreditkarte. Kleinbeträge werden durch die Annäherung des Schlüssels an eine Bezahleinheit automatisch abgebucht, bei größeren Geldbeträgen ist wie bei der konventionellen Kreditkarte eine Autorisierung per PIN oder Unterschrift erforderlich. Theoretisch kann der Fahrer aus dem Auto heraus Dienste oder Waren kaufen oder an der Tankstelle oder Mautstation durch einfaches Vorbeifahren an einer Zahlstelle Rechnungen begleichen.
Hat der Fahrer während der Fahrt ein Hotelzimmer gebucht, kann ihm die elektronische Zugangsberechtigung auch direkt auf den Schlüssel übermittelt werden. Entsprechend ausgerüstete Hotelzimmertüren ließen sich so ohne zusätzlichen Check-In öffnen. Auch könnte der Schlüssel einen Haustürschlüssel, Dienstausweis oder andere Zugangssysteme ersetzen oder einen vorab gebuchten Mietwagen entriegeln.
Diese Vielseitigkeit spricht aber auch gegen den multifunktionalen Schlüssel: Geht er verloren, muss der Nutzer als Ersatz sämtliche Einzelsysteme schnell zur Hand haben. Sind diese aber ohnehin vorhanden, wäre der BMW-Schlüssel ein teures – wenn auch komfor- tables – Komplementärsystem.
Rasende Post
Mehr Effizienz verspricht BMW seinen Kunden auch bei der E-Mail-Erreichbarkeit: Mit der integrierten Mail-Funktionalität erhalten sie erstmals Zugriff auf ihre Mail-Exchange-Server – direkt vom Fahrzeug aus auch während der Fahrt auf Posteingang, Kontakte und Kalender. Dies kann vor allem für den Außendienst und Flottenbetreiber interessant sein. Zusätzliche E-Mail-Konten müssen nicht aufwändig eingerichtet werden: Sitzt der Fahrer im Fahrzeug, ist er eingeloggt. Voraussetzung ist die SIM-Karte von BMW Connecteddrive im Fahrzeug, über die der Zugriff auf den Mail-Exchange-Server mit UMTS-Geschwindigkeit erfolgt.
Damit die Ablenkung des Fahrers nicht zu groß wird, wird er während der Fahrt nur über das Eintreffen neuer Mails informiert. Steht sein BMW, ist der komplette Funktionsumfang nutzbar. Im Fond ist dies auch während der Fahrt der Fall. Will der Mail-Nutzer auf eine Nachricht antworten, kann er dies künftig mit der Freitext-Spracherkennung tun: Er diktiert den Text einfach. Eine Spracherkennungssoftware außerhalb des Fahrzeugs setzt sie in eine SMS-Mitteilung oder eine E-Mail um, die wiederum im Fahrzeug angezeigt wird. Der Fahrer kann den Text anschließend per Freisprechen noch editieren. So kann er das in vielen Ländern verbotene Benutzen mobiler Endgeräte während der Fahrt umgehen.
Mobiles Musikstudio
Für Musikliebhaber hat BMW Ideen im Köcher, die ihm beispielsweise den Zugriff auf das heimische digitalisierte Musikarchiv erlauben oder – abhängig von seiner aktuellen Stimmung – die passende Musik servieren. BMWs Forschungsprojekt „Seamless Media Access“ will künftig den Inhalt des häuslichen Entertainment-Systems – Musik, Videos, Hörbücher – im Fahrzeug bei Bedarf verfügbar machen. Als technisches Rückgrat präferiert BMW dabei das Cloud-Computing über einen Provider: Alle Songs der Medienbibliothek des Nutzers liegen bereits im richtigen Format auf dem Server eines Cloudspace-Providers. Inhalte, die nicht vorliegen, können von zu Hause in den privaten Bereich beim Provider hochgeladen werden. Den Weg ins Auto könnten die Daten über eine Breitbandverbindung wie WLAN finden.
Werden persönliche Einstellungen wie Wiedergabelisten automatisch zwischen Fahrzeug und Zuhause abgeglichen, könnten die Inhalte passgenau auch im Auto bereit gestellt und nahtlos weiter konsumiert werden. Suchfunktionen sollen das Finden bekannter und nicht namentlich bekannter Inhalte erleichtern. Um die Musik noch genauer auf den Fahrerwunsch abzustimmen, haben die BMW-Forscher eine stimmungsabhängige Playlist entwickelt. Grundgedanke ist, sich – je nach Laune und Seelenzustand – die passende Musik ins Auto herunterzuladen. Dazu würde BMW den Zugang zu den Archiven großer Musikprovider verschaffen. Anhand einer Matrix kann der Fahrer dann seine Stimmung definieren. Im Forschungsprototypen stehen dafür die Extreme „angry“, „peaceful“, „celebrating“ und „hopeless“ zur Verfügung. Je nachdem, wie stark der Nutzer diese Positionen gewichtet, wird die Musik ausgewählt und vorsortiert. Mit zwei weiteren Funktionen – der Festlegung oder dem Ausschluss von Musikstilen und bestimmten Zeitabschnitten – sind weitere Eingrenzungen möglich.
Unterhaltungshäppchen
Wer auch bei den kleinsten Fahrpausen – etwa an Ampeln oder Bahnschranken – Ablenkung sucht, wird von BMW künftig vielleicht mit Mikropausen-Apps bedient. Vorstellbar sind Funktionen wie Spiele, Videos, Nachrichtenmeldungen oder Werbeclips, die bei Stopps ab 10 s passgenau und abhängig von Vorgaben des Fahrers in einem Display eingeblendet werden. Voraussetzung ist, dass das Fahrzeug weiß, wie lange die Ampel rot bleibt. Im Forschungsprototyp kommuniziert die Ampel mit dem Fahrzeug. Während die Inhalte präsentiert werden, zeigt ein kleiner Countdown die Zeit bis zum Umspringen der Ampel an. Für zeitlich nicht definierte Situationen wie Staus suchen die Forscher noch nach Lösungen.
Diese und andere von BMW vorgestellte Funktionen – etwa E-Mail-Steuerung, Schreiben per Touchpad – werfen die Frage nach der Ablenkungsgefahr auf. Sollte der Trend zu noch mehr Funktionalität anhalten, kommen die OEM nicht umhin, die Frage des autonomen Fahrens zu beantworten. Vielleicht heißt es in Zukunft dann: Die Maschine lenkt, der Mensch denkt – auch nicht mehr, denn die vielen Elektronikfunktionen lenken sein Gehirn zu sehr ab.
BMW; Telefon: 089 382-11491; E-Mail: katharina.singer@bmw.de
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